In Stavangers Würgegriff

KM

Als 2010 das Debütalbum von Kvelertak (norwegisch “Würgegriff”) auf den Markt kann, überschlugen sich die Kritiker und das Publikum vor Begeisterung. Und gemeint ist hier durchaus das breite Publikum. Während die meisten Erzeugnisse norwegischer Schwermetallkunst nur Liebhaber halb-mumifizierter Schweineköpfe erfreuen, kann man die Musik des Sextetts aus Stavanger durchaus beim Sommergrillfest des Motorradclubs Kuhle Wampe spielen, ohne Ärger zu riskieren. Um was für Musik handelt es sich? Lange Version: Klassischer Hardrock mit Punk-Elementen, ein bisschen Sludge, Stoner und Jungle, ein bisschen extremeres Geknüppel. Kurze Version: Rock’nRoll. Zum Erfolg der Band tragen sicher die ekstatischen Live-Performances bei, das Cover des ersten Albums wurde vom Sänger von “Baroness” gestaltet, produziert wurde die Platte von Kurt Ballou, ein wirklich überzeugendes Gesamtpaket.

Aber wie das so ist: Wenn das Erstwerk so unglaublich eingeschlagen hat, stehen die Künstler unter einem gewaltigen Druck diesen Erfolg zu wiederholen und so manche Combo ist an diesem Druck zerbrochen. In aller Kürze: Das neue Album “Meir” wird den Erwartungen mehr als gerecht. Einerseits schaffen es die Norweger zwanglos an das Debut anzuknüpfen, denn die neue Scheibe ist genau so rotzig und setzt wieder auf die ewigen Mitwipp-Wurzeln des Rock’nRoll. Dennoch sind die spielerischen Ausflüge in Richtung Hardcore und Extrem-Metal, aber auch Radio-Rock mutiger und konsequenter als auf dem Vorgänger und führen zu einer stärkeren stilistischen Spreizung. Da kommen Wandergitarren ins Spiel, Saitenkonstrukte, die an Robert Fripp und Brian Eno erinnern, obertonreiche Abschnitte mit Thin-Lizzy-70ties-Sound. Ganz großes Kino. Damit sind wir dann auch schon bei der Produktion. Was ich von Herrn Ballou halte, habe ich hier ja schon mehrfach geschrieben, er hat sich diesmal fast selbst übertroffen. “Meir” ist schön cremig, die drei Gitarren türmen sich turmhoch, der Gesang ist genau aufs richtige Niveau zurückgenommen: Schön in der Mitte, aber nicht “auf dem Schoß”. Das Schlagzeug hat genau das rechte Maß an Hall in den Höhen, ist aber untenrum schön knackig trocken. Im Gesamtsound ergibt das eben genau diesen Rasierklingenritt zwischen eisiger Klarheit und erdiger Schwere, den nur Kurt kann.

Note-to-self: Abhaken, beruhigen, zukünftig schlauer sein. Musik: Kvelertak.

Leave a Reply

You must be logged in to post a comment.