Sommerloch I

Wie schrieb Tucholsky in seiner wegweisenden Abhandlung “Zur soziologischen Psychologie der Löcher”: “Ein Loch ist da, wo etwas nicht ist.” Demzufolge ist ein Sommerloch ein vom Sommer eingeschlossener Zeitbereich, in dem eben kein Sommer ist. Bei Temperaturen von 14 Grad und strömendem Regen darf mal also sicherlich von einem Loch im Sommer sprechen. Einen tragikomischen Vorgeschmack auf das, was in dieser Sommerlochsaison noch auf uns zukommen wird, lieferte gestern übrigens der Vorsitzende einer ehemaligen Volkspartei, der sich nicht entblödete, einer Zeitung zu diktieren, Frau Merkel habe ihm das Förmchen geklaut, da sie seiner Partei “auch die letzte Butter vom Brot kratzen würde”. Kurt, geh endlich, es ist inzwischen mehr als peinlich.

Der Aufenthalt am Rand von Löchern kann risikoreich (schwarze, Tagebaurest-), aber auch sehr entspannend (Lomond, Ness) sein. Mitunter weiss man das Vorhandensein eines Loches erst dann zu schätzen, wenn seine Verfüllung droht. Schaue ich aus dem Fenster, so fällt der Blick auf ein seit Jahren ungenutztes Grundstück, das sich im Besitz der Post/Telekom/schlagmichtot befindet. Vor längerer Zeit wurde es jeweils zur Hälfte zur Zwischenlagerung von Stückgut und zur Erholung der Beschäftigten des Staatsunternehmens im so genannten Postsportverein genutzt. Mit dem Zerfall der Bundespost zogen die Sportler in die Soers und die Liegenschaft an der Burtscheiderstraße blieb sich selbst überlassen. Birken sprießten, Efeu rankte, Putz bröckelte und all das in aller Stille. Einmal im Jahr erschien ein Trupp von Gärtnern mit Laubsaugern, Trimmern, Besen und Sägen, machte sechs Stunden lang Lärm und füllte die Ladefläche eines Pritschenlasters mit Grünabfällen. Dann kehrte die Ruhe zurück und mit ihr die Amseln, Spatzen, Meisen und Tixie, die fette Katze der Nachbarn, die mehr oder weniger eifrig vorgab, dem Gevögel nachzustellen. Dieses fast schon ruderale Ensemble scheint mir nun ernsthaft bedroht zu sein: Gestern wurden die Schilder einer Immobilienfirma angebracht, das ganze Gelände steht zum Verkauf.

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Nun will ich nicht verhehlen, dass auch meinerseits bei der Betrachtung der Brache vom Balkon aus mitunter ein fiebriges Brainstorming Platz griff, was man mit einer großen Lagerhalle nebst Nebengebäuden, Garagen, Riesenparkplatz etc. in unmittelbarer Nähe zur Innenstadt alles anfangen könnte. Tucholsky schreibt dazu : “Wenn der Mensch ein Loch sieht, hat er das Bestreben, es auszufüllen…” Die dabei von mir favorisierten Nutzungskonzepte: Proberaumkomplex (Die Bahn ist ohnehin schweinelaut, Hiphopper bleiben draußen und freestylebatteln auf dem Parkplatz), alternativer Biergarten (von einer Kooperative betrieben, mein Lieblingspils zum Selbstkostenpreis), Bürgergarten (mit hallengroßem Vereinsheim und Gartenzwergverbot).

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Ich befürchte das Schlimmste: Zuerst wird die alte Substanz über Monate abgerissen (Arbeitsbeginn 7Uhr, Presslufthämmer), dann wird eines dieser seelenlosen Ladenlokal/Mehrfamilienwohnungsgebäude errichtet (Sonnenstudio, Handyladen, Spielhalle, Bonzen, die mir aus ihrem Penthouse ins Badezimmer glotzen). Das postmoderne, hässliche Stahl-Glas-Beton-Ding steht dann leer, weil es keine wirkliche Konkurrenz zu Aachen-Arkaden/Galerie am Kaiserplatz darstellt. Das alles nur, weil die Post ein Loch gelassen hat und wir den “Mut zur (Bau-)Lücke” nicht aufbringen. Schade aber unvermeidlich, denn merke: “Das Loch ist ein ewiger Kompagnon des Nicht-Lochs.” Wenigstens ein Kurt, der was Substanzielles beizutragen hat.

Note to self: Nackenmuskulatur, mein Schmerz hat einen Namen. Musik: Anna Ternheim, Michel Petrucciani, Foo Fighters, Mindfunk.

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